
Session 05 - Competition & Strategy
Business Basics
David gegen Google
Ein Kölner Unternehmen tritt gegen Google an, ausgerechnet bei einer seiner Kernkompetenzen: maschineller Übersetzung.
Wer gewinnt? Handzeichen: „Google“ vs. „die Kölner“!
Auflösung: In unabhängigen Vergleichen liegt das Kölner Unternehmen vor Google Translate. Es heißt DeepL. Wie ein kleines Team gegen einen Giganten bestehen kann, führt zur Leitfrage von heute: Wie positioniere ich mich im Wettbewerb – oder umgehe ihn?
Rückblick
Wo wir letzte Woche standen
- Ein Geschäftsmodell ist die Logik, wie ein Unternehmen Wert schafft, liefert und abschöpft, sichtbar in den neun Bausteinen des Canvas
- Der Napkin-Test: Zahlt jemand? Kosten < Preis? Genug Kundschaft für die Fixkosten?
- Runway = Kasse / Burn, und der Trade-off Bootstrapping vs. VC heißt Kontrolle vs. Geschwindigkeit
Ein Stolperstein aus Sitzung 4: Ein tragfähiges Modell kann kopiert werden. Das Modell sagt, wie ihr Geld verdient, aber nicht, warum ausgerechnet ihr es weiter tun könnt.
Deine Frage: Modell kopiert – was nun?
FlixBus verdient über Provisionen je Ticket, das Geschäftsmodell kennt ihr. Jetzt senkt die Bahn die Preise und ein zweiter Busanbieter startet. Welche Frage beantwortet das Geschäftsmodell, und welche muss jetzt die Strategie beantworten?
Das Modell beantwortet, wie FlixBus Geld verdient. Die Strategie beantwortet, wie man sich gegen Wettbewerber behauptet oder ihnen ausweicht. Genau dieses Versprechen aus Sitzung 4 lösen wir heute ein.
Ablauf heute
- Teil 1 (~35 min): Blue Ocean: Wettbewerb umgehen statt gewinnen
- Teil 2 (~30 min): Strategisch denken: was macht die Konkurrenz, wenn ich X tue?
- Teil 3 (~25 min): Strategie für Gründende: First Mover, Fast Follower, Nische
Leitfrage heute: Wie positioniere ich mich im Wettbewerb – oder umgehe ihn?
Lernziele
Nach dieser Sitzung könnt ihr …
- Red Ocean und Blue Ocean unterscheiden und die 86/14-Zahl korrekt als Kim & Mauborgnes Studie einordnen,
- den Strategy Canvas als Werkzeug erklären und auf einen Fall anwenden,
- die Pointe des Gefangenendilemmas erzählen und die Logik von Commitment erklären,
- die gemischte Evidenz zu First Mover vs. Fast Follower mit ihren Bedingungen wiedergeben,
- das Prinzip der Nischenstrategie an DeepL und Mistral erläutern.
Blue Ocean
FlixBus, noch einmal – durch die Wettbewerbsbrille
Letzte Woche war FlixBus unser Geschäftsmodell-Fall. Heute die Strategie-Frage: Gegen wen ist FlixBus eigentlich angetreten?
- Der naheliegende Zug 2013 wäre gewesen: Preiskampf mit der Bahn um deren Bestandskundschaft
- Stattdessen bediente FlixBus neue Nachfrage: preissensible Reisende, die vorher gar nicht oder per Mitfahrgelegenheit fuhren, etwa Studierende, Familien und Pendelnde mit Zeit
- Der Fernbusmarkt entstand erst: von 86 auf 200 Linien bis Ende 2018. FlixBus wuchs mit dem Markt, statt der Bahn Marktanteile abzuringen
Lektion: FlixBus hat den Wettbewerb nicht gewonnen, sondern umgangen, mit einem Markt, den es vorher so nicht gab.
Quelle: (Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs, o. J.; Ziegert 2024; „Themenseite“ 2026).
Too Good To Go: ein Markt aus einem Ärgernis
- Gegründet 2015 in Kopenhagen: Restaurants und Läden verkaufen überschüssiges Essen als günstige „Überraschungstüten“
- Das war kein Angriff auf Supermärkte oder Lieferdienste, sondern ein Markt aus einem Verschwendungsproblem, um das sich vorher niemand kümmerte
- Heute in rund 20 Ländern aktiv, mit über 100 Mio. registrierten Nutzenden (Unternehmensangaben, Stand 2025/2026; Zahlen wachsen schnell)
Beide Seiten gewinnen: Betriebe retten Ware, Kundschaft spart, und der Anbieter nimmt eine Provision. Neue Nachfrage statt Verdrängung.
Lektion: Die attraktivsten Märkte sind manchmal die, die es noch gar nicht gibt.
Quelle: (Too Good To Go, o. J.) (Unternehmensangaben), Stand 2026.
Das Muster dahinter: Red Ocean vs. Blue Ocean
Kim & Mauborgne nennen dieses Muster Blue Ocean Strategy, den Ozean ohne Blut im Wasser (Kim und Mauborgne 2004).
| Red Ocean | Blue Ocean | |
|---|---|---|
| Markt | existiert, ist umkämpft | wird neu geschaffen |
| Ziel | Konkurrenz schlagen | Konkurrenz irrelevant machen |
| Nachfrage | vorhandene verteilen | neue erschließen |
| Logik | besser oder billiger | Nutzen und Kosten neu kombinieren |
Datenquelle: Systematik nach (Kim und Mauborgne 2004) (HBR: Volltext via Uni-Bibliothek).
Die 86/14-Zahl – richtig eingeordnet
Kim & Mauborgne untersuchten in einer eigenen Studie die Produkt-Launches von 108 Unternehmen:
- 86 % der Launches waren Line Extensions, also Varianten in bestehenden Märkten; sie brachten 62 % des Umsatzes, aber nur 39 % des Gewinns
- 14 % zielten auf neue Märkte; sie brachten 38 % des Umsatzes, aber 61 % des Gewinns
Diese Zahl als Naturkonstante zu zitieren. Es ist Kim & Mauborgnes eigene Studie an 108 Unternehmen: Branchen und Zeitraum sind nicht offengelegt, unabhängig repliziert ist sie nicht. Als Hinweis stark, als Gesetz falsch.
Quelle: (Kim und Mauborgne 2004).
Warum dann so viele Line Extensions?
Wenn neue Märkte so profitabel sind, warum machen fast alle das Gegenteil?
- Line Extensions sind planbar: bekannter Markt, bekannte Kundschaft, bekannte Kanäle. Das Risiko wirkt klein
- Neue Märkte sind unsicher: keine Vergleichszahlen, keine Benchmark, kein Beweis, dass es sie gibt
- Ergebnis: Die häufigste Strategie ist die, die am seltensten neue Märkte schafft. Und im Red Ocean drückt der Wettbewerb die Margen
Lektion: Sicherheit und Marktschaffung ziehen in verschiedene Richtungen. Wer nur Varianten baut, bleibt im umkämpften Wasser.
Das Werkzeug: der Strategy Canvas
Wie findet man einen Blue Ocean systematisch? Kim & Mauborgnes Werkzeug ist der Strategy Canvas:
- Auf der x-Achse: die Wettbewerbsfaktoren, über die eine Branche konkurriert (Preis, Service, Auswahl …)
- Auf der y-Achse: wie stark jeder Anbieter in jeden Faktor investiert
- Die eigene Kurve neu zeichnen: Faktoren eliminieren, reduzieren, steigern und neue schaffen, die die Branche ignoriert
Wer dieselbe Kurve zeichnet wie alle anderen, konkurriert über den Preis. Wer eine andere Kurve zeichnet, konkurriert gar nicht erst.
Der Klassiker: Cirque du Soleil
Kim & Mauborgnes Paradefall: ein Zirkus ohne Tiere und ohne Stars wird zum erfolgreichsten Zirkus der Welt.
- Gegründet 1984 in Québec, in einer schrumpfenden Zirkusbranche
- Eliminiert: Tiernummern, Star-Artisten (teuer, ohne Zusatznutzen). Neu geschaffen: Theater-Handlung, künstlerische Musik, ein Abend für Erwachsene statt Kinder
- HBR-Framing: Umsatz in rund zehn Jahren auf das 22-Fache gestiegen: höhere Preise, neues Publikum, kein Wettbewerb mit klassischen Zirkussen
Zur Ehrlichkeit gehört: 2020 ging Cirque du Soleil in der Pandemie in die Insolvenz und wurde restrukturiert. Ein Blue Ocean ist kein Dauerabo.
Quelle: (Kim und Mauborgne 2004; Brooks 2020).
Der Strategy Canvas im Bild
Deine Frage: Mensa-Wachstum
Eure Hochschul-Mensa will wachsen. Nennt je einen möglichen Red-Ocean-Zug und einen Blue-Ocean-Zug – woran erkennt ihr den Unterschied?
Red Ocean: günstiger oder besser sein als die Imbisse rund um den Campus, ein Kampf um dieselben Mittagsgäste. Blue Ocean: neue Nachfrage schaffen, z. B. Abendessen-Boxen zum Mitnehmen für Menschen, die bisher gar nicht in der Mensa essen. Der Unterschied: Verdrängt ihr vorhandene Nachfrage, oder erschließt ihr neue?
Zwischenfazit Teil 1
- Blue Ocean heißt: neue Nachfrage schaffen, statt vorhandene zu verteilen; FlixBus und Too Good To Go zeigen das Muster
- Die 86/14-Zahl ist Kim & Mauborgnes eigene Studie an 108 Unternehmen: attribuieren, nicht als Naturkonstante zitieren
- Der Strategy Canvas macht sichtbar, ob man dieselbe Kurve zeichnet wie alle. Und Cirque zeigt: auch ein Blue Ocean ist kein Dauerabo
Aber was, wenn man dem Wettbewerb nicht ausweichen kann? Dann muss man ihn durchdenken. Das ist Teil 2.
Strategisch denken
Die Kernfrage strategischen Denkens
Bisher haben wir geplant, als wäre der Markt eine Landschaft. Aber der Markt reagiert:
- Ihr senkt den Preis, die Konkurrenz kann nachziehen
- Ihr startet eine Werbekampagne, die Konkurrenz kann kontern
- Die strategische Kernfrage lautet deshalb: „Was macht die Konkurrenz, wenn ich X tue?“
Strategie heißt, den eigenen Zug vom Gegenzug her zu denken, nicht vom Wunschergebnis.
Eine Geschichte: zwei Airlines, eine Strecke
Zwei Airlines teilen sich eine Strecke, beide verdienen ordentlich. Dann denkt Airline A nach:
- „Wenn ich die Preise senke, fliegen alle bei mir, mein Gewinn steigt.“
- Airline B denkt exakt dasselbe. Beide senken die Preise
- Die Passagiere wechseln nicht dauerhaft, sie fliegen nur billiger. Beide verdienen jetzt weniger als vorher
- Wieder erhöhen? Wer allein erhöht, verliert seine Kundschaft an den anderen, also bleiben beide unten
Beide haben in jedem Schritt individuell klug gehandelt und stehen gemeinsam schlechter da. Diese Geschichte heißt in der Spieltheorie das Gefangenendilemma.
Die Pointe des Dilemmas
- Das Verblüffende: Niemand hat einen Fehler gemacht. Aus jeder Einzelsicht war Preissenken die sichere Wahl, egal, was der andere tut
- Genau deshalb ist die Preiskampf-Spirale so stabil: Sie bestraft den, der zuerst wieder hochgeht
- Wettbewerbslogik kann alle schlechter stellen. „Business is War“ ist oft die falsche Metapher, denn in Preiskämpfen gewinnt häufig niemand (Nalebuff und Brandenburger 1997)
Lektion: Der Blue Ocean aus Teil 1 ist nichts anderes als der Versuch, dieser Logik zu entkommen. Wer keinen direkten Konkurrenten hat, kann nicht in die Spirale geraten.
Commitment: sich glaubwürdig binden
Wenn Worte billig sind: Wie überzeugt man die Konkurrenz, dass man es ernst meint?
- Die Idee (nach Thomas Schelling, zuerst 1960): sich selbst Optionen nehmen, damit die Drohung oder das Versprechen glaubwürdig wird (Schelling 1980)
- Ein Commitment wirkt nur, wenn es kostspielig, schwer umkehrbar und sichtbar ist (Dixit und Nalebuff 2008)
- Ein Aushang „Wir bleiben die Billigsten!“ ist keins von dreien. Eine Fabrik, ein Logistiknetz oder ein Zehnjahresvertrag schon
Lektion: Glaubwürdig ist nicht, wer viel verspricht, sondern wer sich den Rückzug abschneidet.
Amazon: Jahre ohne Gewinn – mit Absicht
- Börsengang Mai 1997; danach Jahre tiefroter Zahlen: −720 Mio. $ (1999), −1,4 Mrd. $ (2000)
- Erstes (hauchdünn) profitables Quartal erst Ende 2001, rund sieben Jahre nach Gründung
- Das Geld floss sichtbar in Logistikzentren, Infrastruktur und Kundenbasis. Bezos’ erklärte Priorität: Wachstum vor Gewinn
Die Verluste waren ein Commitment: kostspielig, schwer umkehrbar, öffentlich. Wer angreifen wollte, musste denselben langen Atem mitbringen.
Lektion: Bewusste Unprofitabilität kann ein strategisches Signal sein. Sie legt die Messlatte für jeden höher, der in den Markt will.
Quelle: (Griswold 2018; Hopkins 2023).
Deine Frage: das Schild im Schaufenster
Zwei Cafés am Campus. Eines hängt ein Schild auf: „Wir unterbieten jeden Preis der Konkurrenz, garantiert!“ Ist das ein glaubwürdiges Commitment?
Eher nicht: Ein Schild ist billig und in fünf Minuten wieder abgehängt. Es erfüllt keines der drei Kriterien (kostspielig, schwer umkehrbar, sichtbar bindend). Glaubwürdig würde es erst durch echte Bindung, etwa einen langfristig fixierten Liefervertrag, der die niedrigen Preise überhaupt möglich macht.
Wo ihr das vertiefen könnt
Wir haben das Gefangenendilemma heute bewusst nur als Geschichte erzählt. Die Einführung in die Spieltheorie und Verhaltensökonomik bekommt ihr in der Mikroökonomik (22-1.MikroBWL, Sem. 2).
Zum Weiterlesen ohne Formeln: The Art of Strategy (Dixit und Nalebuff 2008), Spieltheorie in Geschichten, von Preiskämpfen bis Pokerbluffs.
Strategie für Gründende
„Wer zuerst kommt, gewinnt“?
Der First-Mover-Vorteil ist eines der hartnäckigsten Mantras der Startup-Welt. Was ist dran?
- Dafür spricht (Lieberman und Montgomery 1988): Technologievorsprung, Zugriff auf knappe Ressourcen (Standorte, Partner), Wechselkosten der früh gewonnenen Kundschaft
- Dagegen spricht (dieselbe Quelle): Spätere fahren als Trittbrettfahrer mit: Sie lernen aus den teuren Fehlern des Pioniers, und Markt- wie Technik-Unsicherheit hat sich für sie bereits aufgelöst
- Die Evidenz ist gemischt: Es gibt in keiner Richtung einen Automatismus
Was die Daten zeigen: Pioniere scheitern oft
Golder & Tellis haben rund 500 Marken in 50 Produktkategorien historisch nachverfolgt (Golder und Tellis 1993):
- Fast die Hälfte der Markt-Pioniere scheiterte; ihr Marktanteil lag weit unter dem, was frühere Studien (mit Überlebenden-Verzerrung) berichteten
- Die langfristigen Marktführer traten im Schnitt erst 13 Jahre nach den Pionieren ein
- Der Mythos entsteht, weil wir die gescheiterten Pioniere vergessen. Überlebt haben die, von denen wir noch reden
Lektion: Pionier zu sein ist ein Risiko mit Bedingungen, kein Freifahrtschein.
Wovon hängt es ab? Zwei Faktoren
Suarez & Lanzolla bringen die gemischte Evidenz auf einen brauchbaren Nenner: Es hängt an zwei Geschwindigkeiten (Suarez und Lanzolla 2005):
- Tech-Tempo: Wie schnell entwickelt sich die Technologie weiter? Schnell → der Vorsprung des Pioniers veraltet
- Markt-Tempo: Wie schnell wächst der Markt? Schnell → es strömen genug Neue nach, die der Follower gewinnen kann
- Sind beide langsam, ist ein First-Mover-Vorteil haltbar; sind beide schnell, wird er zur Halbwahrheit
Fall 1: Google war nicht die erste Suchmaschine
- Yahoo! (1994) sortierte das Web als Verzeichnis; AltaVista (1996) war der erste blitzschnelle Volltext-Index, Ende der 90er der „König der Suche“ mit ~25 Mio. Anfragen pro Tag
- Google (1998) kam als einer von mehreren späten Anbietern in einen besetzten Markt
- Gewonnen hat Google nicht durch Frühstart, sondern durch bessere Ergebnisse (PageRank). Tech- und Markt-Tempo waren hoch, der Vorsprung der Pioniere zerfiel
Lektion: In schnellen Märkten schlägt Qualität der Lösung den Zeitvorsprung.
Quelle: Suchmaschinen-Chroniken (EntireWeb, o. J.).
Fall 2: TikTok kam vier Jahre nach Vine
- Vine (Start Jan. 2013) validierte das Kurzvideo-Format: über 200 Mio. aktive Nutzende Ende 2015; Aus im Jan. 2017, vor allem mangels Monetarisierung für Creator
- TikTok startete international 2017, übernahm 2018 Musical.ly, rund vier Jahre nach Vine
- TikTok hat das Format nicht erfunden, nur besser ausgeführt und monetarisiert
„Die Idee zählt.“ Vine hatte die Idee und die Nutzenden und verlor trotzdem. Ausführung und Erlösmodell entschieden.
Randnotiz: Seit Jan. 2026 ist das US-Geschäft ein mehrheitlich amerikanisches Joint Venture. An der Fast-Follower-Lektion ändert das nichts.
Quelle: („Vine (service)“ 2026); (Wilson 2023); (TikTok 2026; Fischer und Wang 2026).
Deine Frage: sofort launchen?
Ihr habt eine App-Idee, für die es noch keinen Anbieter gibt. Euer Mitgründer drängt: „Sofort launchen, First-Mover-Vorteil!“ Was entgegnet ihr ihm mit dem Wissen von heute?
Erstens: Die Evidenz ist gemischt: Fast die Hälfte der Pioniere scheitert, und die späteren Marktführer kamen im Schnitt 13 Jahre danach. Zweitens: Es hängt an Tech-Tempo und Markt-Tempo: Bewegt sich beides schnell, hilft der Frühstart wenig. Schnell lernen ist wichtiger als schnell launchen.
Die dritte Option: Nische statt Frontalangriff
Weder zuerst da sein noch alle überholen, sondern ein Feld wählen, das die Giganten vernachlässigen:
- Schmal statt breit: ein Problem, eine Zielgruppe, eine Sprache, dafür dort spürbar besser
- Der Gigant kann nicht alles priorisieren: Die Nische ist für ihn Randnotiz, für euch Existenz
- Aus Sitzung 2 kennt ihr das Prinzip schon von der Kundenseite: Oatly gewann zuerst die Baristas, nicht den Supermarkt
Lektion: Gegen Giganten gewinnt man selten das ganze Spielfeld, aber oft einen Quadratmeter davon.
DeepL: die Auflösung des Anfangs
- Aus Köln, hervorgegangen aus Linguee; Start August 2017 mit sieben Sprachen, voller Fokus auf Übersetzungsqualität
- DeepLs eigener „4x besser“-Launchclaim ist Marketing (selbst beauftragter Blindtest, nicht unabhängig geprüft)
- Die belastbare Evidenz: In einer unabhängigen, begutachteten Studie schlägt DeepL Google Translate auf allen vier untersuchten Qualitätsdimensionen, gemessen an chinesischen Tourismustexten; ein enger Ausschnitt, aber unabhängig (Chen und Lin 2025)
Dieselbe Studie zeigt: Prompt-getunte LLMs liegen inzwischen vorn. Auch ein Nischenvorsprung ist endlich, der Markt bewegt sich schnell.
Lektion: Eine Nische schlägt den Giganten auf einer Dimension. Verteidigt werden muss sie trotzdem jeden Tag.
Quelle: (DeepL 2017); Chen und Lin (2025).
Mistral: dieselbe Wette, live
- Gegründet April 2023 in Paris (Ex-DeepMind/Meta-Team); Rekord-Seed von 105 Mio. € innerhalb eines Monats
- Bewertung ~11,7 Mrd. € (Series C, Sept. 2025), gegen OpenAI (~840 Mrd. $) und Google winzig
- Die Nische: offene Modellgewichte, europäische Datensouveränität, Anpassbarkeit für Unternehmen, also Felder, die die Giganten nachrangig behandeln
Dieser Fall ist nicht abgeschlossen, der Ausgang ist offen. Was hier steht, ist der Stand von 2026, kein Urteil.
Lektion: Nischenstrategie ist kein Trostpreis. Sie ist die einzige realistische Eintrittskarte, wenn die Skalenschlacht schon entschieden ist.
Quelle: (Heim 2026; Leprince-Ringuet 2026).
Was davon ist klausurrelevant?
- Red vs. Blue Ocean unterscheiden; die 86/14-Zahl als Kim & Mauborgnes Studie einordnen (Attribution!)
- Strategy Canvas: Achsen, Zweck, Lesart (eliminieren/reduzieren/steigern/neu schaffen)
- Gefangenendilemma-Pointe (individuell klug, gemeinsam schlechter) und die drei Merkmale glaubwürdigen Commitments
- First Mover vs. Fast Follower: gemischte Evidenz (Lieberman & Montgomery; Golder & Tellis) + die zwei Faktoren Tech-Tempo × Markt-Tempo
- Nischenstrategie: Prinzip und Beispiele (DeepL, Mistral)
Vertiefung: Tutorium 05 (Strategy Game) und Quiz 05.
Literatur
- Lieberman und Montgomery (1988) – der Klassiker zu First-Mover-Vor- und -Nachteilen.
- Golder und Tellis (1993) – die historische Analyse: Pioniere scheitern öfter, als der Mythos sagt.
- Dixit und Nalebuff (2008) – Spieltheorie ohne Formeln: Geschichten über Commitment und Glaubwürdigkeit.
Zum Weiterlesen: Kim & Mauborgne, „Blue Ocean Strategy“ (HBR, Okt. 2004); Suarez & Lanzolla, „The Half-Truth of First-Mover Advantage“ (HBR, Apr. 2005). Beide via Uni-Bibliothek.