Tutorium 01: Failure Analysis
Business Basics
Worum es geht
Im ersten Tutorium wendet ihr die Failure-Taxonomie nach Eisenmann aus Vorlesung 1 selbst an. In Kleingruppen bekommt ihr kurze Dossiers zu real gescheiterten (oder fast gescheiterten) Startups und diagnostiziert: Welches Muster passt, und warum? Es geht nicht darum, die „richtige“ Antwort auswendig zu kennen, sondern darum, ein Scheitern sauber zu begründen. Genau diese Denkbewegung (Fall lesen, Muster erkennen, Begründung formulieren) taucht in der Klausur wieder auf.
Das Tutorium ist freiwillig, aber die Kernaktivität lebt von der Gruppe: die Diagnose am Dossier, die Gegenrede der anderen Gruppen und die gemeinsame Auflösung gibt es nur im Raum. Die Nachbereitung (Aufgaben A und B) könnt ihr vollständig allein bearbeiten. Musterlösungen stellen wir nicht online; Rückmeldung bekommt ihr im Tutorium oder über den Chat in der Seitenleiste.
- Ihr könnt die sechs Eisenmann-Muster benennen und auf einen konkreten Fall anwenden.
- Ihr unterscheidet strukturelles (lernbares) von idiosynkratischem Scheitern.
- Ihr formuliert ein 60-Sekunden-Urteil: knapp und begründet.
Ablauf (90 Minuten)
Ihr arbeitet in Gruppen von vier bis fünf Personen.
| Zeit | Phase | Was passiert |
|---|---|---|
| 0:00 | Ankommen | Begrüßung, Gruppen bilden (4–5 Personen) |
| 0:05 | Klausur-Training | 5 Fragen im Klausur-Format zu Vorlesung 1, per Handzeichen aufgelöst |
| 0:20 | Kernaktivität | Failure-Diagnose am Dossier (25 Min.) + Plenum (20 Min.) |
| 1:05 | Auswertung | Gruppen vergleichen ihre Diagnosen, gemeinsame Auflösung (20 Min.) |
| 1:25 | Abschluss | „So taucht das in der Klausur auf“ + Nachbereitung + Quiz |
Die Kernaktivität: Failure-Diagnose an drei Dossiers
Ihr arbeitet in Gruppen von vier bis fünf. Jede Gruppe bekommt ein Dossier, nicht alle drei: Northvolt, Humane AI Pin oder Lilium. Die Dossiers werden reihum verteilt, sodass jeder Fall im Raum mehrfach bearbeitet wird. Ihr diagnostiziert euren Fall, die anderen beiden lernt ihr anschließend im Plenum kennen.
| Phase | Zeit | Was ihr tut | Was jetzt zählt |
|---|---|---|---|
| Diagnose | 25 Min. | Dossier lesen, Muster ankreuzen, Diagnose-Bogen ausfüllen | Belege aus dem Dossier, keine Vermutungen |
| Plenum | 20 Min. | Je eine Gruppe pro Fall stellt ihr Urteil in 2 Minuten vor | Begründung, nicht Nacherzählung |
| Auswertung | 20 Min. | Was haben die drei Fälle gemeinsam? | Muster statt Einzelfall |
Auf dem Diagnose-Bogen haltet ihr fest: das eine passende Muster, drei Zeilen Begründung, drei Zeilen „was hätte das Team anders machen können“ und euer 60-Sekunden-Urteil. Einigt euch in der Gruppe auf ein Muster; wenn zwei passen, notiert das zweite als Randbemerkung und sagt im Plenum, warum ihr euch entschieden habt.
Für das Plenum meldet sich pro Fall eine Gruppe. An der Tafel stehen am Ende Fall, Muster und ein Satz Begründung. Rechnet mit diesen Rückfragen:
- „Woran im Dossier macht ihr das fest?“
- „Welches Muster habt ihr verworfen, und warum?“
- „Hat eine andere Gruppe denselben Fall anders diagnostiziert?“
- Zum Schluss: „Was ist an diesen drei Fällen strukturell, also lernbar, und was idiosynkratisch?“
Kein Problem, bei weniger als drei Gruppen übernimmt eine Gruppe zwei Dossiers nacheinander (dann je 12 Minuten pro Fall). Wichtig ist nur, dass am Ende alle drei Fälle an der Tafel stehen.
Allein geht: die Nachbereitung, also Aufgabe A (Diagnose am Kontrastfall) und Aufgabe B (Quiz). Allein nicht: die Diagnose am Dossier in der Gruppe und die gemeinsame Auflösung an der Tafel, bei der ihr eure Begründung gegen andere Diagnosen verteidigt. Kommt beim nächsten Mal dazu, genau davon lebt die Übung.
Materialien zum Download
Diese Unterlagen bekommt ihr im Tutorium ausgedruckt. Zum Nacharbeiten hier:
Jede Seite hat oben rechts einen PDF-Link, darüber ladet ihr die Druckfassung herunter.
Zur Erinnerung: die sechs Muster
Kurz-Glossar für die Diagnose (ausführlich in Vorlesung 1 und auf dem Diagnose-Bogen):
| Muster | Kurz gesagt |
|---|---|
| Good Idea, Bad Bedfellows | gute Idee, aber Team, Partner oder Investoren blockieren |
| False Start | gebaut und auf den Markt gebracht, bevor der Kundenbedarf geprüft war |
| False Positive | ein früher Zufallserfolg täuscht über die echte Nachfrage |
| Speed Trap | zu schnell skaliert, bevor die Rechnung je Bestellung aufgeht |
| Help Wanted | nötige Ressourcen, Talente oder Kapital fehlen |
| Cascading Miracles | zu viel muss gleichzeitig gelingen |
Nach dem Tutorium
Aufgabe A: Diagnose am vierten Fall
Diagnostiziert allein einen Kontrastfall: Volocopter. Dass die Firma am Ende einen Käufer mit langem Atem fand, wisst ihr schon aus Vorlesung 1. Offen ist die Frage davor: Welches Eisenmann-Muster führte Volocopter überhaupt in die Insolvenz, und welche Entscheidung vor 2024 hätte dieses Muster durchbrochen? Die Übernahme zählt nicht als Antwort; sie kam, als das Muster längst gewirkt hatte.
Was ist das? Deutsches eVTOL-Startup (elektrisches Senkrechtstart-Flugtaxi), gegründet 2011, Sitz in Bruchsal. Entwickelte das Multikopter-Modell VoloCity für den städtischen Lufttaxi-Verkehr, dieselbe Produktkategorie und derselbe Markt wie beim Konkurrenten Lilium.
Zeitleiste (neutral):
- Rund 500 Beschäftigte zum Zeitpunkt der Insolvenz, ohne je den zertifizierten kommerziellen Betrieb erreicht zu haben.
- Geplante Testflüge zu den Olympischen Spielen in Paris (2024) fielen aus, weil die Zertifizierung des Antriebs nicht rechtzeitig kam.
- Sommer 2024: Der CEO brachte eine mögliche Insolvenz ins Spiel, falls staatliche Hilfen ausblieben. Am 26. Dezember 2024 meldete Volocopter Insolvenz an.
- März 2025: Übernahme durch die chinesische Wanfeng Group über deren Tochter Diamond Aircraft für berichtete rund 10 Mio. Euro; der Standort Bruchsal bleibt, 185 Beschäftigte werden weiterbeschäftigt.
- CEO Dirk Hoke verließ das Unternehmen Ende Februar 2025 auf eigenen Wunsch (angekündigt im September 2024). Unter neuer Eigentümerschaft geht die Arbeit an der Zulassung weiter; im April 2026 stellte Volocopter mit dem VoloXPro ein neues Fluggerät vor, das als Ultraleichtflugzeug zum Jahresende 2026 zugelassen werden soll, nicht als Lufttaxi (Alcock 2026).
- Stand April 2026: Der VoloCity hat weiterhin keine EASA-Musterzulassung; das Unternehmen erwartet sie inzwischen für 2027. Ein zertifizierter kommerzieller Betrieb ist damit auch gut ein Jahr nach der Übernahme nicht erreicht (Volocopter 2026).
Quelle: (Agence France-Presse (AFP) 2024; Cabral 2025; Vertical Mag 2025; Koenen 2024; dpa 2025; Wilkens 2024; Perry 2026). Handelsblatt, WirtschaftsWoche und FlightGlobal: Volltext via Factiva/Nexis (Uni-Login).
Notiert eure Diagnose so, wie ihr sie auf dem Diagnose-Bogen festhalten würdet: Muster, Begründung (3 Zeilen) und ein 60-Sekunden-Urteil.
Eine starke Diagnose nennt ein Eisenmann-Muster und belegt es mit einem datierten Fakt aus dem Dossier oder aus Vorlesung 1, der zu genau diesem Muster passt. Sie benennt außerdem eine konkrete Entscheidung vor 2024, die das Muster durchbrochen hätte, also eine, die das Team damals wirklich hätte treffen können. Und sie kommt ohne die Übernahme aus: Die ist das Ende der Geschichte, nicht ihre Erklärung. Der häufigste Fehlgriff ist, die Zeitleiste nachzuerzählen; wer beschreibt, was passiert ist, hat noch nicht gesagt, welches Muster dahintersteckt.
Öffnet den Chat in der Seitenleiste und startet mit genau dem Wortlaut „Feedback zu Tutorium 1“. Fügt dann eure Diagnose ein (Muster, Begründung, 60-Sekunden-Urteil). Ihr bekommt sokratische Rückfragen, die eure Argumentation schärfen, aber keine Musterlösung. Das Feedback ersetzt nicht das Tutorium und nicht eure eigene Arbeit; es hilft euch, selbst weiterzudenken.
Aufgabe B: Selbsttest
Prüft euer Verständnis von Vorlesung 1 im begleitenden Quiz. Rein formativ, nichts wird gespeichert oder benotet: