
Business Basics
Universität Hamburg
Ein Kölner Unternehmen tritt gegen Google an, ausgerechnet bei einer seiner Kernkompetenzen: maschineller Übersetzung.
Wer gewinnt? Handzeichen: „Google“ vs. „die Kölner“!
Auflösung: In unabhängigen Vergleichen liegt das Kölner Unternehmen vor Google Translate. Es heißt DeepL. Wie ein kleines Team gegen einen Giganten bestehen kann, führt zur Leitfrage von heute: Wie positioniere ich mich im Wettbewerb – oder umgehe ihn?
Ein Stolperstein aus Sitzung 4: Ein tragfähiges Modell kann kopiert werden. Das Modell sagt, wie ihr Geld verdient, aber nicht, warum ausgerechnet ihr es weiter tun könnt.
Frage
FlixBus verdient über Provisionen je Ticket, das Geschäftsmodell kennt ihr. Jetzt senkt die Bahn die Preise und ein zweiter Busanbieter startet. Welche Frage beantwortet das Geschäftsmodell, und welche muss jetzt die Strategie beantworten?
Das Modell beantwortet, wie FlixBus Geld verdient. Die Strategie beantwortet, wie man sich gegen Wettbewerber behauptet oder ihnen ausweicht. Genau dieses Versprechen aus Sitzung 4 lösen wir heute ein.
Leitfrage heute: Wie positioniere ich mich im Wettbewerb – oder umgehe ihn?
Nach dieser Sitzung könnt ihr …
Letzte Woche war FlixBus unser Geschäftsmodell-Fall. Heute die Strategie-Frage: Gegen wen ist FlixBus eigentlich angetreten?
Lektion: FlixBus hat den Wettbewerb nicht gewonnen, sondern umgangen, mit einem Markt, den es vorher so nicht gab.
Quelle: (Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs, o. J.; Ziegert 2024; „Themenseite“ 2026).
Der Kern
Beide Seiten gewinnen: Betriebe retten Ware, Kundschaft spart, und der Anbieter nimmt eine Provision. Neue Nachfrage statt Verdrängung.
Lektion: Die attraktivsten Märkte sind manchmal die, die es noch gar nicht gibt.
Quelle: (Too Good To Go, o. J.) (Unternehmensangaben), Stand 2026.
Kim & Mauborgne nennen dieses Muster Blue Ocean Strategy, den Ozean ohne Blut im Wasser (Kim und Mauborgne 2004).
| Red Ocean | Blue Ocean | |
|---|---|---|
| Markt | existiert, ist umkämpft | wird neu geschaffen |
| Ziel | Konkurrenz schlagen | Konkurrenz irrelevant machen |
| Nachfrage | vorhandene verteilen | neue erschließen |
| Logik | besser oder billiger | Nutzen und Kosten neu kombinieren |
Datenquelle: Systematik nach (Kim und Mauborgne 2004) (HBR: Volltext via Uni-Bibliothek).
Kim & Mauborgne untersuchten in einer eigenen Studie die Produkt-Launches von 108 Unternehmen:
Häufiger Fehler
Diese Zahl als Naturkonstante zu zitieren. Es ist Kim & Mauborgnes eigene Studie an 108 Unternehmen: Branchen und Zeitraum sind nicht offengelegt, unabhängig repliziert ist sie nicht. Als Hinweis stark, als Gesetz falsch.
Quelle: (Kim und Mauborgne 2004).
Wenn neue Märkte so profitabel sind, warum machen fast alle das Gegenteil?
Lektion: Sicherheit und Marktschaffung ziehen in verschiedene Richtungen. Wer nur Varianten baut, bleibt im umkämpften Wasser.
Wie findet man einen Blue Ocean systematisch? Kim & Mauborgnes Werkzeug ist der Strategy Canvas:
Wer dieselbe Kurve zeichnet wie alle anderen, konkurriert über den Preis. Wer eine andere Kurve zeichnet, konkurriert gar nicht erst.
Kim & Mauborgnes Paradefall: ein Zirkus ohne Tiere und ohne Stars wird zum erfolgreichsten Zirkus der Welt.
Zur Ehrlichkeit gehört: 2020 ging Cirque du Soleil in der Pandemie in die Insolvenz und wurde restrukturiert. Ein Blue Ocean ist kein Dauerabo.
Quelle: (Kim und Mauborgne 2004; Brooks 2020).

Frage
Eure Hochschul-Mensa will wachsen. Nennt je einen möglichen Red-Ocean-Zug und einen Blue-Ocean-Zug – woran erkennt ihr den Unterschied?
Red Ocean: günstiger oder besser sein als die Imbisse rund um den Campus, ein Kampf um dieselben Mittagsgäste. Blue Ocean: neue Nachfrage schaffen, z. B. Abendessen-Boxen zum Mitnehmen für Menschen, die bisher gar nicht in der Mensa essen. Der Unterschied: Verdrängt ihr vorhandene Nachfrage, oder erschließt ihr neue?
Aber was, wenn man dem Wettbewerb nicht ausweichen kann? Dann muss man ihn durchdenken. Das ist Teil 2.
Bisher haben wir geplant, als wäre der Markt eine Landschaft. Aber der Markt reagiert:
Merksatz
Strategie heißt, den eigenen Zug vom Gegenzug her zu denken, nicht vom Wunschergebnis.
Zwei Airlines teilen sich eine Strecke, beide verdienen ordentlich. Dann denkt Airline A nach:
Beide haben in jedem Schritt individuell klug gehandelt und stehen gemeinsam schlechter da. Diese Geschichte heißt in der Spieltheorie das Gefangenendilemma.
Lektion: Der Blue Ocean aus Teil 1 ist nichts anderes als der Versuch, dieser Logik zu entkommen. Wer keinen direkten Konkurrenten hat, kann nicht in die Spirale geraten.
Wenn Worte billig sind: Wie überzeugt man die Konkurrenz, dass man es ernst meint?
Lektion: Glaubwürdig ist nicht, wer viel verspricht, sondern wer sich den Rückzug abschneidet.
Die Strategie-Lesart
Die Verluste waren ein Commitment: kostspielig, schwer umkehrbar, öffentlich. Wer angreifen wollte, musste denselben langen Atem mitbringen.
Lektion: Bewusste Unprofitabilität kann ein strategisches Signal sein. Sie legt die Messlatte für jeden höher, der in den Markt will.
Quelle: (Griswold 2018; Hopkins 2023).
Frage
Zwei Cafés am Campus. Eines hängt ein Schild auf: „Wir unterbieten jeden Preis der Konkurrenz, garantiert!“ Ist das ein glaubwürdiges Commitment?
Eher nicht: Ein Schild ist billig und in fünf Minuten wieder abgehängt. Es erfüllt keines der drei Kriterien (kostspielig, schwer umkehrbar, sichtbar bindend). Glaubwürdig würde es erst durch echte Bindung, etwa einen langfristig fixierten Liefervertrag, der die niedrigen Preise überhaupt möglich macht.
Brücke ins Studium
Wir haben das Gefangenendilemma heute bewusst nur als Geschichte erzählt. Die Einführung in die Spieltheorie und Verhaltensökonomik bekommt ihr in der Mikroökonomik (22-1.MikroBWL, Sem. 2).
Zum Weiterlesen ohne Formeln: The Art of Strategy (Dixit und Nalebuff 2008), Spieltheorie in Geschichten, von Preiskämpfen bis Pokerbluffs.
Der First-Mover-Vorteil ist eines der hartnäckigsten Mantras der Startup-Welt. Was ist dran?
Golder & Tellis haben rund 500 Marken in 50 Produktkategorien historisch nachverfolgt (Golder und Tellis 1993):
Lektion: Pionier zu sein ist ein Risiko mit Bedingungen, kein Freifahrtschein.
Suarez & Lanzolla bringen die gemischte Evidenz auf einen brauchbaren Nenner: Es hängt an zwei Geschwindigkeiten (Suarez und Lanzolla 2005):
Lektion: In schnellen Märkten schlägt Qualität der Lösung den Zeitvorsprung.
Quelle: Suchmaschinen-Chroniken (EntireWeb, o. J.).
Häufiger Fehler
„Die Idee zählt.“ Vine hatte die Idee und die Nutzenden und verlor trotzdem. Ausführung und Erlösmodell entschieden.
Randnotiz: Seit Jan. 2026 ist das US-Geschäft ein mehrheitlich amerikanisches Joint Venture. An der Fast-Follower-Lektion ändert das nichts.
Quelle: („Vine (service)“ 2026); (Wilson 2023); (TikTok 2026; Fischer und Wang 2026).
Frage
Ihr habt eine App-Idee, für die es noch keinen Anbieter gibt. Euer Mitgründer drängt: „Sofort launchen, First-Mover-Vorteil!“ Was entgegnet ihr ihm mit dem Wissen von heute?
Erstens: Die Evidenz ist gemischt: Fast die Hälfte der Pioniere scheitert, und die späteren Marktführer kamen im Schnitt 13 Jahre danach. Zweitens: Es hängt an Tech-Tempo und Markt-Tempo: Bewegt sich beides schnell, hilft der Frühstart wenig. Schnell lernen ist wichtiger als schnell launchen.
Weder zuerst da sein noch alle überholen, sondern ein Feld wählen, das die Giganten vernachlässigen:
Lektion: Gegen Giganten gewinnt man selten das ganze Spielfeld, aber oft einen Quadratmeter davon.
Ehrlich bleiben
Dieselbe Studie zeigt: Prompt-getunte LLMs liegen inzwischen vorn. Auch ein Nischenvorsprung ist endlich, der Markt bewegt sich schnell.
Lektion: Eine Nische schlägt den Giganten auf einer Dimension. Verteidigt werden muss sie trotzdem jeden Tag.
Quelle: (DeepL 2017); Chen und Lin (2025).
Fall in Bewegung
Dieser Fall ist nicht abgeschlossen, der Ausgang ist offen. Was hier steht, ist der Stand von 2026, kein Urteil.
Lektion: Nischenstrategie ist kein Trostpreis. Sie ist die einzige realistische Eintrittskarte, wenn die Skalenschlacht schon entschieden ist.
Quelle: (Heim 2026; Leprince-Ringuet 2026).
Prüfungsrelevant
Vertiefung: Tutorium 05 (Strategy Game) und Quiz 05.
Zum Weiterlesen: Kim & Mauborgne, „Blue Ocean Strategy“ (HBR, Okt. 2004); Suarez & Lanzolla, „The Half-Truth of First-Mover Advantage“ (HBR, Apr. 2005). Beide via Uni-Bibliothek.
Das war’s für heute.
Fragen?
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