
Business Basics
Universität Hamburg
Diesen Satz habt ihr so oder ähnlich schon gehört: in Vorträgen, Blogposts, Gründerratgebern.
Wer hält die Zahl für realistisch? Handzeichen!
Spoiler: Die Zahl ist falsch. Und die Geschichte dahinter ist eure erste BWL-Lektion.

Merksatz
Eine Zahl wird nicht wahr, weil sie oft wiederholt wird. Fragt nach der Quelle und der Stichprobe.
Ihr habt gerade die erste Lektion erlebt: Behauptungen prüfen, bevor man sie glaubt. Genau darum geht es hier.
Leitfrage heute: Warum scheitern die meisten neuen Produkte – und was lernen Gründerinnen und Gründer daraus?
Ich freue mich über Fragen und Handzeichen. Je mehr ihr euch einbringt, desto mehr nehmt ihr aus den 90 Minuten mit.
Nach dieser Sitzung könnt ihr …
Ein berühmtes Ergebnis: 42 % der Startups scheitern an „kein Marktbedarf“ (CB Insights).
Aber Statistiken bleiben abstrakt. Schauen wir uns an, wie Scheitern konkret aussieht.
Quelle: (CB Insights Research, o. J.) (Methodik-Vorbehalt).
Was ist hier passiert?
Kapitalintensiv skaliert, bevor je eine Bestellung profitabel war. Das Geld war weg, bevor die Rechnung aufging.
Quelle: (Dillet 2022; Taylor 2022). Volltext via Factiva (Uni-Login).
Wichtig: Die ganze Branche pauschal für gescheitert zu erklären, wäre falsch.
Lektion: Nicht der Markt allein entscheidet – Disziplin bei der Skalierung trennte die Überlebenden von den Gescheiterten.
Quelle: (Iyer 2026; Prosus 2026).
Ein anderer Fall
Kein Produkt- oder Marktversagen, sondern Betrug – ein grundlegend anderes Scheitern als bei Gorillas.
Stand 2026: Strafmaß reduziert, Gnadengesuch anhängig.
Quelle: (Rodriguez und The Associated Press 2025; InvestmentNews 2026). Volltext via Factiva (Uni-Login).
Was ihr gerade gesehen habt, ist kein Zufall. Thomas Eisenmann wertete Hunderte Gründungen aus und fand sechs wiederkehrende Muster (Eisenmann 2020).
Früh:
Spät:
Quelle: Eisenmann, „Why Start-ups Fail“, Harvard Business Review, 2021. Volltext via Factiva/Nexis/ABI (Uni-Login).
Eisenmanns Taxonomie beschreibt strukturelle Fehler, aus denen man lernen kann.
Gorillas passt hinein: Die Speed Trap kann jedem Team passieren, das Wachstum über Tragfähigkeit stellt.
Theranos fällt heraus: Betrug ist keine lernbare Produktentscheidung, sondern eine Straftat. Das ist idiosynkratisches Scheitern.
Frage
Ein Team entwickelt zwei Jahre lang im Verborgenen eine App, ohne je mit potenziellen Nutzerinnen und Nutzern zu sprechen. Beim Launch will sie kaum jemand haben. Welches Eisenmann-Muster passt am besten?
False Start: gebaut, bevor der Kundenbedarf geprüft war. Die Speed Trap wäre das Spätphasen-Gegenstück: Da stimmt der Bedarf, aber die Skalierung überholt die Tragfähigkeit.
Lektion: Kapital und prominente Gründerinnen und Gründer ersetzen keine validierte Nachfrage.
Quelle: (Boorstin und Kovach 2020).
Google Glass
Amazon Fire Phone
Gemeinsames Muster: technisch beeindruckend, aber kein Kundenjob besser gelöst als der Status quo.
Quelle: (Luckerson 2015; Zeff 2025; Spangler 2014; Soper 2014).
Das führt direkt zur nächsten Frage: Wie machen es die Erfolgreichen anders?
New Product Development (NPD)
Customer Development
Steve Blank prägte Customer Development als Gegenmodell zum linearen Wasserfall (Blank 2007).
Eric Ries entwickelte daraus die Lean-Startup-Methode: einen schnellen Lernzyklus (Ries 2011).
Der akademische Kern dahinter: Lean Startup als überprüfbare Theorie des Gründens (Blank und Eckhardt 2024).
Ein Minimum Viable Product (MVP) ist die kleinste Version, mit der man eine Annahme testen kann.
Dropbox (2007): Drew Houston stellte ein 3-minütiges Erklärvideo online, bevor das Produkt fertig war.
Kernidee
Nachfrage mit einem Video testen, nicht mit einem fertigen Produkt.
Die Warteliste wuchs (berichtet, nicht auditiert) über Nacht von ~5.000 auf ~75.000 Anmeldungen.
Quelle: (First Round Review 2015), Interview mit Drew Houston.
Frage
Ist ein MVP eine billige, halbfertige Version des Endprodukts?
Nein. Ein MVP ist das kleinste Experiment, das eine konkrete Annahme prüft. Beim Dropbox-Video wurde noch gar kein Produkt gebaut. Getestet wurde nur: Will das überhaupt jemand?
Ein Pivot ist ein bewusster Strategiewechsel auf Basis von Gelerntem, kein planloses Herumprobieren.
Quelle: (Clark 2019).
Kerngedanke (2 Minuten)
Wissenschaft arbeitet so: Hypothese → Test → Revision. Customer Development ist dieselbe Logik: Annahme → Experiment → Lernen.
Das ist die Antwort auf Teil 1: Viele Produkte scheitern, weil zentrale Annahmen nie getestet wurden.
Diese Denkweise übt ihr gerade nebenan in BA-EBF (Einführung in die Betriebswirtschaftliche Forschung, Sem. 1).
Camuffo und sein Team testeten den „wissenschaftlichen Ansatz“ in einer randomisierten kontrollierten Studie (Camuffo u. a. 2020).
Erster kausaler Beleg (nicht nur Korrelation), dass die wissenschaftliche Denkweise das Gründen verbessert.
Frage
Camuffo et al. hätten auch einfach erfolgreiche Startups fragen können, ob sie Hypothesen testen. Warum wäre das weniger überzeugend?
Weil das nur eine Korrelation wäre: Vielleicht testen erfolgreiche Teams, weil sie ohnehin besser aufgestellt sind. Erst der Zufallsvergleich (RCT) zeigt, dass das Testen selbst den Unterschied macht. Genau solche Studiendesigns lernt ihr in BA-EBF kennen.
Zwei deutsche Flugtaxi-Startups (eVTOL), beide 2024 in der Insolvenz. Dann trennten sich die Wege:
Lilium †
Volocopter ✓
Warum überlebte nur einer? Volocopter fand einen Käufer mit langem Atem, Lilium nicht. Und das war vorher nicht offensichtlich. Vorsicht also mit Erfolgsrezepten im Rückblick (Survivorship-Warnung).
Quelle: (Agence France-Presse (AFP) 2024; Cabral 2025).
Zurück zu Gorillas: von 0 auf über 10.000 Mitarbeitende in rund zwei Jahren.
Merkt euch: Viele „Produktprobleme“ sind in Wahrheit Organisationsprobleme.
BWL fragt: Wie schafft und organisiert ein Unternehmen Wert? Man teilt sie in Funktionsbereiche:
Jeder Bereich hat eigene Pflichtmodule. Schauen wir auf eure Landkarte.
| Semester | Pflichtmodule |
|---|---|
| 1 | BA-SBB (dieses Modul ← ihr seid hier)*, BA-EBF (Betriebswirtsch. Forschung), BA-GRWINF (Daten & Systeme), 22-1.EVWL, BA-MATHE I |
| 2 | BA-GRUR (Kosten-/Erlösrechnung), BA-REPR (Reporting), BA-UFÜ (Unternehmensführung), 22-1.MikroBWL, BA-MATHE II |
Aus Semester 3–4 begegnen euch in diesem Kurs vor allem: BA-EWF, BA-STAT I/II, BA-INFIN, BA-PUL, BA-GOR, BA-MARKET.
Insgesamt sind es 20 Pflichtmodule bis Semester 4. Die vollständige Landkarte findet ihr auf dem Cheatsheet. Ab Semester 5 wählt ihr 1 von 8 Schwerpunkten.
* BA-SBB ersetzt BA-EDT ab WiSe 2026/27.
| Sitzung | Thema | Brücke ins Studium |
|---|---|---|
| S1 | Scheitern & Denkweise | BA-EBF, BA-UFÜ |
| S2 | Kunden verstehen | BA-EWF, BA-STAT |
| S3 | Design Thinking | – |
| S4 | Geschäftsmodelle & Geld | BA-GRUR, BA-INFIN |
| S5 | Wettbewerb & Strategie | 22-1.MikroBWL |
| S6 | Digitale Transformation | BA-GRWINF, BA-PUL |
| S7 | Launch & Kundenverhalten | BA-MARKET |
Dieser Kurs ist die Landkarte; die Pflichtmodule liefern die Details.
Warum entstand Gorillas in Berlin – und nicht im Silicon Valley?
Der Vergleich bleibt hier bewusst qualitativ: keine erfundenen Zahlen; belastbare Kennzahlen zum deutschen Gründungsökosystem liefert der Deutsche Startup Monitor (Bundesverband Deutsche Startups und PwC 2025).
Frage
Warum starten wir einen Entrepreneurship-Kurs mit einer Landkarte der ganzen BWL?
Weil ein Unternehmen alle Funktionsbereiche zugleich braucht: Ein tolles Produkt scheitert an schlechter Finanzierung, Logistik oder Führung. Entrepreneurship heißt, das Zusammenspiel zu sehen.
Die wöchentlichen Quizzes und die Aufwärmfragen im Tutorium sind zugleich euer Klausurtraining.
Prüfungsrelevant
Vertiefung: Tutorium 01 (Failure-Diagnose) und Quiz 01.
Das war’s für heute.
Fragen?
Session 01 - Warum Produkte scheitern | Dr. Tobias Vlcek | Home