
Business Basics
Universität Hamburg
„90 Prozent aller neuen Produkte scheitern.“
Diesen Satz habt ihr so oder ähnlich schon gehört: in Vorträgen, Blogposts, Gründerratgebern.
Wer hält die Zahl für realistisch? Handzeichen!
Entscheidet euch zuerst selbst, bevor ihr weiterlest.
Spoiler: Die Zahl ist falsch. Und die Geschichte dahinter ist eure erste Lehre in BWL.
Der rote Balken ist die behauptete Zahl, alle anderen sind gemessen.

Merksatz
Eine Zahl wird nicht wahr, weil sie oft wiederholt wird. Fragt nach Quelle und Stichprobe.
Ihr habt es gerade selbst erlebt: Behauptungen prüfen, bevor man sie glaubt. Genau darum geht es hier.

Leitfrage heute: Warum scheitern die meisten neuen Produkte, und was lernen die Gründenden daraus?
Fragen sind jederzeit willkommen, im Hörsaal per Handzeichen und beim Lesen über den Chat in der Seitenleiste. Je mehr ihr euch einbringt, desto mehr nehmt ihr aus den 90 Minuten mit.
Nach dieser Vorlesung könnt ihr …
43 % nennen fehlenden Product-Market-Fit als Ursache.
Aber wie sieht Scheitern konkret aus?
Quelle: (CB Insights Research, o. J.) (Methodik-Vorbehalt).
Frage: Wo ist Gorillas heute?
Foto: netzpolitik.org, CC BY 4.0, Wikimedia Commons, verkleinert und zugeschnitten
Quelle: (Dillet 2022; Taylor 2022; Temkin 2022).
Von der Gründung bis zur Übernahme: zweieinhalb Jahre.
Was ist hier passiert?
Kapitalintensiv skaliert, bevor je eine Bestellung profitabel war. Das Geld war weg, bevor die Rechnung aufging.
Pauschal „gescheitert“ wäre falsch:
Zusammengefasst: Nicht der Markt allein entscheidet, sondern Disziplin bei der Skalierung.
Quelle: (Prosus 2026; Sifted 2024).
Frage: Würdet ihr investieren?
Foto: Hush Naidoo Jade Photography, Unsplash
Stand 2026: Strafmaß auf 123 Monate reduziert.
Quelle: (Auletta 2014; Meyer 2018; Rodriguez und The Associated Press 2025; InvestmentNews 2026).
Fast 1 Mrd. US-Dollar Kapital, über 9 Mrd. Bewertung, ein Test, der nie funktionierte.
Ein anderer Fall
Kein Produkt- oder Marktversagen, sondern Betrug, also ein grundlegend anderes Scheitern als bei Gorillas.
Was ihr gerade gesehen habt, ist kein Zufall. Thomas Eisenmann beschreibt in „Why Startups Fail“ sechs wiederkehrende Muster (Eisenmann 2021).
Seine Taxonomie beschreibt strukturelle Fehler, aus denen man lernen kann.
Quelle: (Eisenmann, o. J.).
Früh:
Spät:
Gorillas passt in die Taxonomie: Die Speed Trap kann jedem Team passieren, das Wachstum über Tragfähigkeit stellt.
Theranos fällt heraus: Betrug ist keine lernbare Produktentscheidung, sondern eine Straftat. Das ist idiosynkratisches (einzelfallbedingtes) Scheitern.
Frage
Ein Team entwickelt zwei Jahre lang im Verborgenen eine App, ohne je mit potenziellen Nutzenden zu sprechen. Beim Marktstart will sie kaum jemand haben. Welches Eisenmann-Muster passt am besten?
False Start: gebaut, bevor der Kundenbedarf geprüft war. Die Speed Trap wäre das Spätphasen-Gegenstück: Da stimmt der Bedarf, aber die Skalierung überholt die Tragfähigkeit.
Zusammengefasst: Kapital und prominente Gründende ersetzen keine belegte Nachfrage.
Quelle: (Boorstin und Kovach 2020).
Frage: Wer von euch würde 1.500 $ dafür zahlen?
Foto: Tim Reckmann, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons, verkleinert und zugeschnitten
Google Glass
Amazon Fire Phone
Zwei Tech-Konzerne, zwei eingestellte Geräte, dieselbe Ursache.
Zusammengefasst: Technisch beeindruckend, aber kein Kundenjob besser gelöst als der Status quo.
Quelle: (Lardinois 2013; Luckerson 2015; Zeff 2025; Spangler 2014; Soper 2014).
Das führt direkt zur nächsten Frage: Wie machen es die Erfolgreichen anders?
New Product Development (NPD)
Customer Development
Steve Blank prägte Customer Development als Gegenmodell zum linearen NPD-Ablauf (Blank 2007).
Eric Ries entwickelte daraus die Lean-Startup-Methode: einen schnellen Lernzyklus (Ries 2011).
Der akademische Kern dahinter: Lean Startup als handlungsleitende Theorie des Gründens (Blank und Eckhardt 2024).
Ein Minimum Viable Product (MVP) ist die kleinste Version, mit der man eine Annahme testen kann.
Fairphone (2013): ein Smartphone für 325 € im Vorverkauf, bevor es das Gerät gab.
Quelle: (Etherington 2013).
Am 5. Juni 2013 war die Schwelle von 5.000 bezahlten Geräten erreicht, die Produktion konnte starten.
Der Abstand ist die eigentliche Information: über 16.000 Interessierte, aber nur ein deutlich kleinerer Teil zahlte tatsächlich.
Zusammengefasst
Getestet wurde nicht „findet ihr das gut?“, sondern „zahlt ihr dafür?“.
Quelle: (Mier 2013).
Frage
5.000 Menschen haben 325 € vorab bezahlt. Was war damit bewiesen, und was nicht?
Bewiesen: Es gibt zahlende Nachfrage für das Versprechen. Nicht bewiesen: dass das Gerät gut wird, dass die Lieferkette hält, dass auch weniger Überzeugte kaufen. Ein MVP prüft eine Annahme, nicht das ganze Geschäftsmodell.
Ein Pivot ist ein bewusster Strategiewechsel auf Basis von Gelerntem, kein planloses Herumprobieren.
Quelle: (Clark 2019).
Kerngedanke (2 Minuten)
Wissenschaft arbeitet so: Hypothese → Test → Revision. Customer Development ist dieselbe Logik: Annahme → Experiment → Lernen.
Das ist die Antwort auf Teil 1: Viele Produkte scheitern, weil zentrale Annahmen nie getestet wurden.
Diese Denkweise übt ihr gerade nebenan in BA-EBF (Einführung in die Betriebswirtschaftliche Forschung, Sem. 1).
Camuffo und sein Team testeten den „wissenschaftlichen Ansatz“ in einer randomisierten kontrollierten Studie (Camuffo u. a. 2020).
Kausaler Beleg (nicht nur Korrelation), dass die wissenschaftliche Denkweise das Gründen verbessert.
Frage
Camuffo et al. hätten auch einfach erfolgreiche Startups fragen können, ob sie Hypothesen testen. Warum wäre das weniger überzeugend?
Weil das nur eine Korrelation wäre: Vielleicht testen erfolgreiche Teams, weil sie ohnehin besser aufgestellt sind. Erst der Zufallsvergleich (RCT) zeigt, dass das Testen selbst den Unterschied macht. Genau solche Studiendesigns lernt ihr in BA-EBF kennen.
Zwei deutsche eVTOL-Startups (Senkrechtstarter), 2024 insolvent:
Lilium †
Volocopter ✓
Volocopter fand einen Käufer, Lilium nicht. Vorher nicht absehbar: Survivorship Bias (Überlebenden-Verzerrung).
Quelle: (Agence France-Presse (AFP) 2024; Cabral 2025).
Gorillas: 0 auf rund 14.400 Beschäftigte in rund zwei Jahren.
Quelle: (Moran 2022).
Merkt euch: Viele „Produktprobleme“ sind Organisationsprobleme.
BWL fragt: Wie schafft und organisiert man Wert?
Jeder Funktionsbereich hat eigene Pflichtmodule.
Semester 1
Semester 2
* Wahlpflicht, ersetzt BA-EDT ab WiSe 2026/27.
Aus Semester 3–4 begegnen euch in diesem Kurs vor allem: BA-EWF, BA-STAT I/II, BA-INFIN, BA-PUL, BA-GOR, BA-MARKET.
Insgesamt sind es 19 Pflichtmodule plus dieses Wahlpflichtmodul bis Semester 4. Die vollständige Landkarte findet ihr auf dem Cheatsheet. Ab Semester 5 wählt ihr 1 von 8 Schwerpunkten.
Der Kurs ist die Landkarte, die Module die Details.
Warum entstand Gorillas in Berlin, nicht im Valley?
Der Vergleich bleibt qualitativ: keine erfundenen Zahlen. Kennzahlen liefert der Deutsche Startup Monitor (Bundesverband Deutsche Startups und PwC 2025).
Frage
Warum starten wir einen Entrepreneurship-Kurs mit einer Landkarte der ganzen BWL?
Weil ein Unternehmen alle Funktionsbereiche zugleich braucht: Ein tolles Produkt scheitert an schlechter Finanzierung, Logistik oder Führung. Entrepreneurship heißt, das Zusammenspiel zu sehen.
Dazu kommt der Rückblick zum Selbststudium: generative KI, Quarto & Git. Freiwillig, ohne Termin, nicht klausurrelevant.
Das wöchentliche Quiz und die Aufwärmfragen im Tutorium sind zugleich euer Klausurtraining.
Prüfungsrelevant
Nicht klausurrelevant: Landkarte der BWL und Modulcodes. Vertiefung: Tutorium 01, Quiz 01.
Begriffe nachschlagen: Glossar
Das war’s für heute.
Fragen? Nutzt den Chat in der Seitenleiste.
Vorlesung 01: Warum Produkte scheitern | Dr. Tobias Vlćek | Home