Business Basics
Universität Hamburg
Ein Kunde bucht bei einer Airline und fragt den Chatbot auf der Website nach dem Trauerfall-Tarif. Der Chatbot sagt: „Du kannst den Rabatt auch nachträglich beantragen.” Das war frei erfunden; die echte Regel verlangt den Antrag vor dem Flug.
Der Kunde verklagt die Airline. Das Gericht sagt: Die Airline haftet.
Wer von euch würde sagen: Wenn eure KI Unsinn erzählt, haftet ihr dafür? Handzeichen!
Entspannt zum Abschluss
Diese Sitzung hat kein Tutorium und kein Cheatsheet – dafür praktische Werkzeuge, die euch im Studium und in der Gründung einen Vorsprung geben.
Heute drehen wir die Perspektive: weg von KI als Markt, hin zu KI (und zwei stillen Helfern) als Werkzeug in eurer Hand.
Leitfrage heute: Welche Werkzeuge geben mir einen Vorsprung?
Nach dieser Sitzung könnt ihr …
Fangen wir bei dem an, was ihr heute schon damit tun könnt – drei Felder, kurz:
Merkt euch die Reihenfolge: Entwurf zuerst, Prüfung immer. Das Werkzeug beschleunigt den Anfang, nicht das Urteil am Ende.
Bringt KI wirklich Produktivität? Ja, aber die Forschung sagt ganz genau, wo und für wen:
Quelle: Noy und Zhang (2023); Brynjolfsson u. a. (2025); Peng u. a. (2023).
Der Kern
Die Gewinne sind real, aber ungleich verteilt: In diesen Studien holen die weniger Erfahrenen am meisten auf. KI verteilt das Können der Top-Leute nach unten.
Lektion: Wer wenig Erfahrung hat, profitiert oft am stärksten, aber der Vorsprung hängt an der Aufgabe, nicht am Werkzeug allein.
In Sitzung 6 haben wir es schon gesehen: Die Fähigkeit der KI ist zackig, nicht gleichmäßig.
Lektion: Die Grenze verläuft zackig und unsichtbar; genau deshalb bleibt die menschliche Prüfung unverzichtbar (das führt direkt in Teil 2) (Dell’Acqua u. a. 2026).
Quelle: (Dell’Acqua u. a. 2026), BCG-Feldexperiment (HBS Working Paper 24-013; Version of Record 2026).
Ihr braucht keinen Kurs für „Prompt Engineering”. Vier Bausteine bringen den meisten Nutzen:
Merksatz: Klar, Kontext, Beispiele, Constraints. Vier Bausteine, mehr braucht ihr am Anfang nicht.
Auch dieser Kurs setzt KI als Werkzeug ein, offen und mit Regeln:
Lektion: KI-Feedback beschleunigt das Lernen; die Verantwortung für die Abgabe bleibt bei euch (das ist die Brücke zu Teil 2).
Frage
In den Studien holten bestimmte Personengruppen am stärksten auf. Welche, und was heißt das für ein junges Team ohne viel Erfahrung?
Die weniger Erfahrenen und anfangs Schwächeren gewannen am meisten (Noy & Zhang; Brynjolfsson et al.). Für ein junges Team ist das eine gute Nachricht: KI kann fehlende Routine teilweise ausgleichen, aber nur bei Aufgaben im Können der KI, und nie ohne eigene Prüfung. Der Vorsprung ist geliehen, nicht geschenkt.
Damit sind wir bei der zweiten Hälfte: Wenn die Grenze unsichtbar ist – was passiert, wenn man ohne Prüfung vertraut? Das zeigen drei Geschichten.
Erinnert ihr euch an den Einstieg? Hier sind die genauen Fakten:
Quelle: (Moffatt v. Air Canada 2024) (Volltext via CanLII); (Proctor 2024).
Wie verteidigt sich die Airline? Mit einem bemerkenswerten Argument:
Quelle: (Moffatt v. Air Canada 2024) (Volltext via CanLII); (Cecco 2024).
Klausurrelevant (Konzept 1)
KI-Systeme können „halluzinieren”, also plausibel klingende, aber falsche Aussagen erzeugen. Deshalb muss KI-Output vor der Nutzung geprüft werden. Und: Wer eine KI einsetzt, haftet für das, was sie sagt. Air Canada ist der Lehrfall: Der Chatbot erfand eine Regel, das Gericht ließ die „der Bot war es”-Verteidigung nicht gelten.
Lektion: Ein halluzinierter Satz kostete Air Canada den Prozess; die Ausrede „das war die KI, nicht wir” zählt vor Gericht nicht.
Kurz und ohne Technik-Tiefe – es reicht das Prinzip:
Lektion: Selbstsicherer Ton ist kein Wahrheitsbeweis; bei Fakten, Zahlen und Regeln gilt: gegenprüfen, immer.
Quelle: Ji u. a. (2023) (Survey of Hallucination in Natural Language Generation).
Der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna ging voran und wieder ein Stück zurück:
Quelle: (Marks 2024, 2025; Davis 2025).
Und jetzt die Zahl, die die einfache Geschichte verkompliziert:
Lektion: Mehr KI heißt nicht automatisch weniger Kosten; die Rechnung ist komplizierter, als die Schlagzeile „ersetzt 700 Leute” nahelegt.
Quelle: (Doerer 2025) (Q3-2025-Zahlen).
Kurz und lehrreich: der Paketdienst DPD, Januar 2024:
Guardrails fehlten
Ohne Leitplanken und Tests vor dem Livegang wird ein Kundenchat zur öffentlichen Blamage. Reputationsschaden entsteht in Stunden.
Quelle: (Gerken 2024).
Klausurrelevant (Konzept 2)
Ob Halluzination (Air Canada), Fehleinschätzung (Klarna) oder fehlende Leitplanken (DPD): Die Verantwortung für den KI-Einsatz bleibt beim Menschen und beim Unternehmen. Die KI ist ein Werkzeug: sie haftet nicht, entscheidet nicht und trägt keine Verantwortung. Das tut, wer sie einsetzt.
Lektion: Drei Fälle, eine Regel: man kann Aufgaben an KI delegieren, Verantwortung aber nicht.
Was heißt das konkret für euch an der Uni? Kasneci et al. (2023) fassen die Do’s und Don’ts zusammen (Kasneci u. a. 2023):
Quelle: Kasneci u. a. (2023) (ChatGPT for good? – Chancen und Herausforderungen für die Bildung); ergänzender Leitfaden zur kritischen KI-Nutzung im Studium (UNESCO 2023).
Frage
Ihr baut für euer Startup einen KI-Chatbot, der Kundinnen und Kunden Auskunft gibt. Der Bot sagt etwas Falsches: Wer trägt die Verantwortung?
Ihr, das Unternehmen. Genau das ist die Air-Canada-Lektion: „Der Bot war es” zählt nicht. Der Bot ist Teil eures Angebots; ihr haftet für seine Aussagen. Konsequenz: Leitplanken setzen, kritische Auskünfte absichern und testen, bevor der Bot live geht.
Zwei Werkzeuge haben wir jetzt: KI produktiv und kritisch nutzen. Es fehlt ein drittes, das dafür sorgt, dass eure Arbeit nachvollziehbar bleibt.
praesentation_final_v2_FINAL_wirklich-final_NEU(3).docx
Genau dieses Chaos lösen zwei Werkzeuge – heute nur konzeptionell, ohne Kommandozeile.
Versionskontrolle (das bekannteste Werkzeug heißt Git) ist wie eine lückenlose Zeitmaschine für Dateien:
Lektion: Statt „v2_FINAL” gibt es eine Datei plus eine Historie: nachvollziehbar, gemeinsam bearbeitbar, umkehrbar.
Das zweite Werkzeug: Quarto, ein Dokument, das Text, Code und Ergebnis zusammenhält:
Zum Anfassen
Diese Kurswebsite ist selbst Quarto. Auf jeder Seite gibt es einen „Source”-Link; schaut in den Quelltext dieser Folien.
Das klingt nach Technik, ist aber im Kern eine Vertrauensfrage:
Lektion: Reproduzierbarkeit ist kein Selbstzweck; sie macht Arbeit überprüfbar, und Überprüfbarkeit schafft Vertrauen.
Wo geht’s weiter?
Sauberes, nachvollziehbares Dokumentieren und Reporting vertieft ihr in BA-REPR (Reporting, Sem. 2); dort zählt genau diese Nachvollziehbarkeit von Zahlen. Und in jedem quantitativen Modul (Statistik, Forschung) ist reproduzierbares Arbeiten die stille Grundlage.
Ihr müsst Git und Quarto heute nicht können; es reicht zu wissen, dass es sie gibt und wofür sie stehen: eine Datei mit Historie statt „v2_FINAL”, ein Dokument, das sich selbst aktuell hält.
Frage
Zwei Personen bearbeiten dasselbe Pitch-Deck und schicken es sich per Mail hin und her. Welches konkrete Problem löst ein Repository mit Commits?
Es gibt eine gemeinsame Version mit Historie statt fünf Mail-Kopien: Man sieht, wer wann was geändert hat, kann Änderungen zusammenführen und jederzeit zu einem früheren Stand zurück. Das „welche Datei ist aktuell?“-Problem verschwindet, und mit ihm der Streit darüber.
Drei Werkzeuge nehmt ihr aus dieser Sitzung mit:
Und damit endet der inhaltliche Teil des Kurses. Was noch kommt: die Klausur; und ihr habt in Sitzung 7 den Mock-Exam-Walkthrough, der zeigt, wie ihr euch vorbereitet.
Prüfungsrelevant – nur diese zwei Konzepte
Wichtig
Der Rest ist euer Werkzeugkasten fürs Studium und deshalb nicht klausurrelevant: er gehört euch, nicht der Prüfung. Konkrete Studienzahlen, Klarna-/DPD-Details, Prompt-Basics, Git- und Quarto-Details werden nicht abgefragt; nur die beiden markierten Konzepte können in einer leichten Klausurfrage vorkommen.
Vertiefung: Quiz 08 (formativ, kein Tutorium zu dieser Sitzung).
Das war die letzte inhaltliche Sitzung: Nehmt die Werkzeuge mit und probiert sie aus. Genau so fängt Vorsprung an.
Danke – und Fragen?
Session 08 - Generative KI, Quarto & Git – Werkzeuge mit Vorsprung | Dr. Tobias Vlcek | Home