
Business Basics
Universität Hamburg
Bevor wir starten: zwei Entscheidungen, jeweils per Handzeichen. Ehrlich aus dem Bauch, kein Rechnen.
Wette A
Wer nimmt die sicheren 500 €? Handzeichen!
… und wer die Lotterie, 50 % auf 1000 €, sonst nichts? Handzeichen!
Wette B
Wer nimmt den sicheren Verlust von 500 €? Handzeichen!
… und wer die Verlust-Lotterie: 50 %, 1000 € zu verlieren, sonst nichts? Handzeichen!
Beide Lotterien haben denselben Erwartungswert wie die sichere Option. Trotzdem wählt fast jede Gruppe A sicher und B riskant.
Das ist kein Denkfehler von euch, sondern ein System. Es heißt Prospect Theory, und es ist der Schlüssel zur Leitfrage von heute: Wie bringe ich ein Produkt auf den Markt – und warum entscheiden Kunden irrational?
Ein roter Faden bleibt: Der GPT Store hatte 3 Mio. Bauende und trotzdem kein fertiges Erlösmodell. Heute kommen wir im Capstone auf genau diese KI-Anbieter zurück.
Frage
Letzte Woche galt: Millionen Nutzende auf einer Seite lösen das Henne-Ei nicht automatisch. Woran fehlte es dem GPT Store konkret?
Am Erlösmodell: Das versprochene Auszahlungsprogramm für die Bauenden war zum Start nicht fertig. Eine volle Seite ist noch kein Geschäftsmodell; im Capstone sehen wir heute, wie dieselben Anbieter das Erlösproblem angehen.
Leitfrage heute: Wie bringe ich ein Produkt auf den Markt – und warum entscheiden Kunden irrational?
Nach dieser Sitzung könnt ihr …
Warum habt ihr bei A und B unterschiedlich entschieden? Kahneman & Tversky (1979) geben die Antwort (Kahneman und Tversky 1979):
Lektion: Kundschaft entscheidet nicht über Endzustände, sondern über Veränderungen gegenüber einem Referenzpunkt, Gewinne und Verluste getrennt.
Quelle: (Kahneman und Tversky 1979).

Schematisch, nicht maßstabsgetreu: Die Verlustseite fällt steiler ab, als die Gewinnseite ansteigt.
Wie viel schwerer wiegt ein Verlust? Die derzeit beste Schätzung, aber mit Hedge (Hedge = ehrlicher Unsicherheits-Vorbehalt):
Lektion: Verlustaversion ist real und groß, aber die genaue Zahl ist Gegenstand laufender Forschung, kein festgeschriebener Wert.
Noch ein Baustein aus der Wette: Menschen überschätzen Sicherheit.
Lektion: „Sicher” ist kein neutrales Wort; es hat einen psychologischen Aufschlag, den Produkte gezielt nutzen.
Quelle: (Kahneman und Tversky 1979).
Prospect Theory ist keine Theorie für den Hörsaal, sie steckt in jedem Shop:
Lektion: Dieselbe Zahl, anders gerahmt, führt zu anderen Entscheidungen; der Rahmen ist Teil des Produkts.
Quelle: (Tversky und Kahneman 1981).
Die wirksamste Rahmung ist oft die Voreinstellung, also was passiert, wenn man nichts tut.
Der Kern
Der Default entscheidet mit, weil Nichtstun die bequemste Option ist und der Status quo als Referenzpunkt zählt.
Lektion: Wer die Voreinstellung setzt, beeinflusst das Ergebnis stärker als jede Werbekampagne (Johnson und Goldstein 2003).
Quelle: (Johnson und Goldstein 2003).
Der Organspende-Default ist in Deutschland kein gelöstes Lehrbuchthema, sondern live:
Lektion: Ein Default ist nie „neutral”; wer ihn setzt, trifft eine ethische Entscheidung, keine bloß technische.
Quelle: (Kosfeld 2020); Debatten Dez. 2024 & 2026 (Kosfeld 2024; Hausding 2026); (ZDFheute 2026).
Frage
Ein Streamingdienst kostet 120 € im Jahr. Formuliert einen Rahmen, der die Zahlungsbereitschaft erhöht, ohne den Preis zu ändern.
Zum Beispiel „nur 10 € im Monat” (kleinerer Referenzpunkt) oder „33 Cent am Tag – weniger als ein Kaffee”. Gleiche 120 €, aber gegen einen kleineren Vergleichsanker gerahmt. Auch stark: „30 Tage kostenlos testen, jederzeit kündbar”: nimmt dem Kauf das Verlustrisiko (Certainty Effect + Geld-zurück-Logik).
Kleine Stupser (Nudges) sind populär, aber wie stark wirken sie wirklich? Genau hier zeigt sich, wie Wissenschaft arbeitet:
Quelle: Mertens u. a. (2022); Maier u. a. (2022); DellaVigna und Linos (2022).
Lektion: Nehmt Effektstärken nie als Naturkonstante: wer hat was gemessen, unter welchen Bedingungen? Das ist die eigentliche Kompetenz.
Quelle: Szaszi u. a. (2025).
Die Ethikgrenze
Nudge hilft der eigenen Entscheidung. Dark Pattern arbeitet gegen sie. Der Unterschied ist jetzt einklagbar, nicht nur eine Frage der Moral.
Lektion: Zwischen legitimer Rahmung und Manipulation verläuft eine rechtliche Grenze, und sie wird gerade teuer durchgesetzt.
Quelle: Europäische Kommission (Temu-Strafe, 28.05.2026), (Jahangir 2026); (European Commission 2026).
Wir wissen nun, warum Kundschaft irrational entscheidet. Jetzt zur zweiten Hälfte der Leitfrage: Wie bringe ich ein Produkt auf den Markt? Das ist Teil 2.
Der Reflex sagt: „First Mover gewinnt.” Die Evidenz sagt: kommt darauf an – wie schon in Sitzung 5.
Lektion: „Wann starten?” hat keine feste Antwort; der beste Zeitpunkt hängt an Tech-Tempo und Markt-Tempo, nicht am Kalender.
Quelle: Golder und Tellis (1993) (Pioneer Advantage: Marketing Logic or Legend?).
Zwei Grundstrategien für den Einstiegspreis, als Extreme eines Kontinuums, nicht als Entweder-oder (Spann et al. 2015) (Spann u. a. 2015):
| Skimming | Penetration | |
|---|---|---|
| Startpreis | hoch, dann senken | niedrig, um Menge zu holen |
| Ziel | frühe Marge „abschöpfen” | schnell Marktanteil |
| Risiko | Markt bleibt zu klein | Marge fehlt, schwer zu erhöhen |
In der Praxis folgen viele Starts einem gemischten, dynamischen Pfad; die Lehrbuch-Dichotomie ist eine Vereinfachung.
Quelle: Spann u. a. (2015) (Skimming or Penetration?, Marketing Science).
Skimming-Risiko konkret
Ein hoher Preis „skimmt” nur, wenn genug zahlungsbereite Käufer da sind. Bleibt der Markt dünn, wird aus der Prämie ein Ladenhüter.
Lektion: Skimming maximiert die Marge pro Stück, setzt aber einen vorhandenen Premiummarkt voraus; Quest holte per Penetration das Volumen.
Quelle: (PYMNTS 2026) (IDC-Schätzung, zitiert nach PYMNTS); (Koller 2024).
Zahl mit Vorsicht
Die „100 Mio. in 2 Monaten” sind eine Drittschätzung (UBS/Similarweb), keine von OpenAI veröffentlichte Nutzerzahl; einige Quellen nennen eher drei Monate.
Lektion: „Kostenlos” ist selbst eine Launch-Strategie: der Certainty Effect („100 % gratis”) und null Reibung erzeugen viralen Sog.
Ein Start kann einen ganzen Markt erschüttern, nicht durch Werbung, sondern durch das Erlösmodell:
Lektion: „Open-weight + kostenlos” ist ein Launch-Hebel mit Marktschock-Wirkung, aber der Schock nutzt sich ab, sobald die Konkurrenz ihn erwartet.
Quelle: (Carew u. a. 2025; Szkutak 2025; Iyer 2026).
Ein Launch endet nicht am Kauftag. Kundschaft durchläuft eine Reise, nicht linear, sondern als Schleife:
Lektion: Der Launch ist der Anfang der Beziehung, nicht ihr Höhepunkt; die Reise nach dem Kauf entscheidet über Wiederkauf und Weiterempfehlung.
Quelle: (McKinsey 2009).
Frage
Ein Startup bringt eine neue Smartwatch ohne bekannten Wettbewerber heraus. Es will schnell die Standardplattform werden, auf der andere ihre Apps bauen. Skimming oder Penetration?
Eher Penetration: Wer zur Plattform mit Netzwerkeffekten werden will (Sitzung 6!), braucht schnell viele Nutzende; ein niedriger Einstiegspreis „zündet” die Nutzerseite. Skimming würde die Marge sichern, aber den Anteil riskieren, auf den das ganze Plattform-Kalkül baut.
Timing, Pricing, Launch-Modell, Plattform, Erlösmodell: all das trifft jetzt in einem Fall zusammen, dem Wettbewerb um die Frontier-KI. Das ist die Synthese des ganzen Kurses.
Hinweis
Hinweis: Kursmaterialien wurden KI-gestützt erstellt; auch deshalb gilt hier besonders: prüft die Quellen.
Kurs-Bezug
Erlösmodell (S4) + Plattform-Skala (S6) + Launch (S7), aber „viele Nutzende” ≠ „uneinholbar” (S1).
Lektion: Der First-Mover-Vorteil bei Consumer-KI ist real, aber angreifbar; Skala schützt nicht automatisch vor Aufholjagd.
Quelle: (Mehta 2026; Kaput 2025).
Kurs-Bezug
Regulierung als Marktkraft (S6): Der Staat greift direkt in Produktverfügbarkeit ein, erstmals bei einem Frontier-Labor.
Lektion: Auch Regulierung formt Märkte; sie kann Produkte über Nacht vom Markt nehmen. Wir bleiben bei den datierten, belegten Fakten.
Quelle: (Al Jazeera 2026; Hale 2026).
Kurs-Bezug
Plattform-Ökosysteme & Distribution (S5/S6): Wer die Kanäle besitzt, muss nicht der Erste sein; Fast Follower mit Reichweite.
Lektion: Distribution schlägt oft den Frühstart; Googles Weg in Siri ist ein Plattform-Zug, kein Produktvorsprung.
Quelle: (Business Standard 2026; Mehta 2026).
Kurs-Bezug
Nische statt Skala (S5): Auf einer Dimension (EU-Souveränität, Offenheit) schlägt der Kleine den Giganten, nicht auf allen.
Lektion: Der Kleine gewinnt nicht das ganze Feld, sondern eine verteidigbare Ecke; Mistrals Wette ist Souveränität und Offenheit, nicht Reichweite.
Quelle: (Heim 2026; Leprince-Ringuet 2026).

ChatGPT liegt erstmals unter 50 %; der Markt ist ein Vierkampf, kein Monopol. (Gezeigt ist die App-Nutzung nach Sensor Tower, Ende Mai 2026; Geminis Web-Anteil im Juni lag bei 27,4 %, andere Metrik, anderes Datum.)
Ein Muster fällt auf: Manche Preise stehen öffentlich im Netz, andere nicht. Warum?
Lektion: Ob ein Preis öffentlich ist, verrät die Strategie dahinter: Transparenz für die Masse, Opazität für das Verhandelbare.
Quelle: eigene Einordnung auf Basis der öffentlichen Preisseiten der Anbieter, Stand Juli 2026.
Der KI-Markt ist kein neues Thema; er ist jede Sitzung dieses Kurses auf einmal:
| Sitzung | Frage | Am KI-Markt |
|---|---|---|
| S1 Scheitern | Warum scheitern Produkte? | Skala ohne Erlösmodell schützt nicht (GPT Store) |
| S2 Kunde | Welchen Job löst es? | Suchen, Schreiben, Coden = verschiedene Jobs und Sieger |
| S3 Design/Governance | Offen oder geschlossen? | open-weight (Mistral, DeepSeek) vs. proprietär (OpenAI) |
| Sitzung | Frage | Am KI-Markt |
|---|---|---|
| S4 Geschäftsmodell | Wer bezahlt wie? | API vs. Consumer-Abo vs. Enterprise vs. Werbung; Preisopazität |
| S5 Strategie | Nische oder Skala? | OpenAI First Mover, Google Fast Follower, Mistral Nische |
| S6 Plattform | Wem gehören die Kanäle? | Apple-Siri-Gemini-Deal, Distribution, Netzwerkeffekte |
| S7 Launch/Verhalten | Wie starten, wie überzeugen? | DeepSeek-Schock, Skimming/Penetration, Vertrauen & Defaults |
Ein Fall, sieben Brillen: genau das ist BWL, nicht eine Antwort, sondern die richtige Frage je Situation.
Achtung: bewegliches Ziel
Jede Zahl auf diesen Folien hat ein Datum. Der KI-Markt ändert sich monatlich: Marktanteile, Bewertungen, Regulierung. Zum Semesterstart werden diese Folien neu geprüft. Behandelt sie als Momentaufnahme, nicht als feste Wahrheit.
Das ist keine Schwäche der Analyse, sondern ihr ehrlicher Zustand, und es ist die Kernkompetenz dieses Kurses: Quellen datieren und prüfen.
Frage
Die naheliegende Frage lautet: „Welcher der vier gewinnt den KI-Markt?” Das ist die falsche Frage. Warum?
Weil „gewinnen” verschiedene Spiele meint: OpenAI spielt um Consumer-Reichweite, Anthropic um Enterprise/Coding, Google um Distribution, Mistral um die EU-Nische. Sie konkurrieren teils, teils nebeneinander in verschiedenen Segmenten (Sitzung 5!). Die bessere Frage: Wer gewinnt welches Segment – und unter welchen Bedingungen? „Der eine Sieger” ist ein Denkfehler, den ihr jetzt erkennt.
Lektion: Ihr habt kein Rezept gelernt, sondern eine Denkweise, und die trägt weit über diesen Kurs hinaus.
Prüfungsrelevant
Vertiefung: Tutorium 07 (Capstone Challenge: Ultimatum Game + Prospect-Theory-Votes + Mock-Exam-Walkthrough) und Quiz 07.
Dazu kommt Session 8 (KI & Werkzeuge); daraus gibt es nur einige leichte Klausurfragen.
Das war die letzte Kern-Vorlesung. Session 8 und die Tutorien laufen weiter.
Danke – und Fragen?
Session 07 - Launch, Customer Behavior & Synthesis | Dr. Tobias Vlcek | Home